Venezianische Elegien – II – Rudolf von Reibisch

Venezianische Elegien – II

Im Atrium der Markuskirche strahlend
Von der Legende goldnem Heil’genschein,
Liegt Zierlich eingefügt in das Getäfel
Der Marmormosaik ein rother Stein.

Hier lag einst Barbarossa, geht die Sage,
Nach der verlorenen Salvoraschlacht
Und küßte mit demüthigen Geberden
Des weltbeherrschenden Pantoffels Fracht.

Auf dieser Stelle, hoch und überschattet
Von einem Purpurhimmel, stand ein Thron,
Und auf dem Throne saß der heilige Vater,
Der Kirche muthiger, geprüfter Sohn.

Sein Auge blitzt, vor Zorn schwillt seine Lippe,
Sein Arm sich rasch wie zum Zerschmettern reckt,
Doch er bemeistert sich, indem er segnend
Ihn über’s Haupt des Ghibellinen streckt.

Den Grimm erstickend, mit gelassener Stimme
Spricht er ein sanftes Benedicimus
Und gibt dem allgewaltigen Barbaren
Auf beide Wangen den Versöhnungskuß.

Ein lautaufjubelndes Geschrei und Jauchzen
Aus Kehlen kriegerisch, mißtönig, rauh,
Und der Fanfaren lustiges Geschmetter
Erschütterte San Marco’s Wunderbau.

Noch ragt der Bau, noch strahlt die Aureole
Um des Apostels Haupt, doch dein Gebein
O Barbarossa, deckt in fernen Landen
Ein namenloser, längst vergessner Stein.

Erstarrt sind, Alexander, alle Flüche
In deinem Mund, von Moder überdeckt,
Erstarrt in deiner Hand die Donnerkeile,
Die zürnend einst die halbe Welt geschreckt.

Wie euer Leib wird euer Ruhm verwehen
Und euer Name wie Drommetenschall,
Im Ohre der Erinnerung ersterbend
In kaum vernehmbar schwachem Widerhall.

Dann rollen der Lagune grüne Wogen
In stürm’scher Nacht den rothen Marmorstein,
Aus allen Fugen leck und losgerissen,
In’s wüstenweite, wilde Meer hinein.

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