Venezianische Elegien – I – Rudolf von Reibisch

Venezianische Elegien – I

Wenn meine Augen, schwer und voll von Trauer,
Auf deiner Trümmer Pracht, Venedig, ruhn,
Dann überrieseln mich hochheilige Schauer:
Wie eitel ist doch aller Menschen Thun!

Auf welcher Woge schaukeln deine Flotten
Hochmüth’ges Krämervolk! Wo sind sie jetzt
Des heiligen Evangelisten Rotten,
Die Ruhm und Raubsucht auf das Meer gehetzt?

Verklungen sind der Republik Fanfaren,
Vom Arsenale bis San Marco rollt
Der Trommelwirbel fremder Kriegesschaaren
Und in der Münze klingelt fremdes Gold.

Von deinen siegumrauschten Galleonen,
Du Meertyrannin, schwimmt kein Stückchen Holz;
Des Bucentoro Splitterpracht zu schonen
Das ist, Venedig, noch dein höchster Stolz.

Und ihr, umwallt von Samt und starrer Seide,
Ihr Herrn der Republik, wo seid ihr hin?
Scheint ihr nur Lämmer im modernen Kleide
Das Herz geschwellt von altem Löwensinn?

Erblick’ ich doch, wohin ich mich nur wende,
Die edlen Formen, die einst Tizian,
Dieselben wohlgepflegten Bärt’ und Hände,
Die Paolo und Tintoretto sahn.

Wer ist der Greis, der dort vorüberschreitet?
Sein ganzes Wesen flößt mir Ehrfurcht ein.
Er hat zum Sturm schon alles vorbereitet
Und schreitet kühn vor seiner Völker Reihn.

Er gibt ein Zeichen, die Drommeten schmettern,
Ein schreckliches Gebrüll betäubt das Ohr.
Die Erde dröhnt, an allen Mauern klettern
Die stürmenden mit wilder Hast empor.

So über Teichen, die auf Leichen thürmen,
So schritt er vor, der blinde Dandolo,
Das alte, heilige Byzanz zu stürmen
Der Dogen größter, stolz und siegesfroh.

O alter Zeit ehrwürdige Gestalten,
Seid mir gegrüßt! schon seh’ ich frei und kühn
San Marcos Banner sich aufs neu entfalten
Und neues Leben aus den Gräbern blühn.

Ach leider nur — Gestalten, deren Züge
Die Mutter treu den Ahnen abgelauscht,
Derweil ein böser Geist mit schöner Lüge
Der Ahnen Geist verwechselt und vertauscht.

Kein Morosini lebt mehr, ihre Leibor
Deckt kalter Marmor, ihrer Thaten Ruhm
Hat sich vererbt auf thatenlose Weiber,
Und unerreicht bleibt Zeno’s Heldenthum.

Viel Pergamente und Papiere weisen
Der Contarini stolze Sippe nach;
Erbärmliche Geburtstagsreime preisen
Noch ihrer Väter Ruhm, der Enkel schmach.

Gemeiner Krämersinn und Wucher mehren
Nicht der Pisani Macht und Herrlichkeit;
Der Mocenigo Thatenglanz und Ehren
Erregen nicht mehr der Grimani Neid.

Kein Loredani wird mehr auferstehen,
Kein Gradenigo mehr, kein Vendramin;
Einst wird die Zeit auch ihren Ruhm verwehen,
Der Sterblichkeit zu überdauern schien.

Dann werden der Lagune grüne Wellen
Noch an zertrümmerter Paläste Fracht
Mit melancholischer Gewalt zerschellen —
Und über dir, Venedig, ist es Nacht.

Tiefschauerliche Nacht! Die dunklen Wogen
Drückt ein Geheimnis;, groß, bedeutungsschwer.
Herauf am Himmel kommt der Mond gezogen
Und spiegelt Zitternd sich im weiten Meer.

So spiegelte der Luna bleiche Helle
Sich auf der zitternden Lagune schon,
Als heimathlos mit angsterfüllter Schnelle
Auf diese Insel arme Schiffer flohn.

So fiel in eines Schlafgemaches Räume
Sein Zauberlicht, wo bis zum hellen Tag
Im wollustweichen Pfühl verliebter Träume
Cappello’s Tochter schön und reizend lag.

So blitzte der Kanal von tausend Funken,
Als eingehüllt in leichtes Nachtgewand
Auf dem Balkon, in Träumerein versunken,
Die junge Königin von Cypern stand.

Von Ferne zittert leis in Klagetönen
Ein wunderbar hinsterbender Gesang:
Heil, dreimal Heil der lieblichsten der Schönen!
Und Ruderschlag und Mandolinenklang.

So übergoß der Mond mit reichem Schimmer
Der Markuskirche fabelhafte Pracht
Und über der Piazza das Geflimmer Zahlloser.
Lampen in der Sommernacht.

Die Bande spielt und tausend Ohren lauschen
In süßer Ruh, mit träumerischem Sinn.
Kein Lüftchen weht, die dunklen Wogen rauschen
Durch stille Gassen leis und leiser hin.

Und stiller wird es in den stillen Gassen,
Kein Ruderschlag ertönt mehr, kein Gesang.
Die Schwalbe, scheu, die Heimath zu verlassen,
Fliegt ängstlich kreischend den Kanal entlang.

Und älter wird mit schauerlicher Schnelle,
Urälter an Jahrtausenden die Zeit.
Das Mondlicht ruht noch mit derselben Helle
Auf einer Stadt versunkner Herrlichkeit.

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