Nur Träume – Sandor Petöfi

Nur Träume

Nur Träume waren’s, die bisher mich quälten.
Was Liebe schien, war Dichtersehnsucht nur.
Ich trug davon nur Wunden, die nicht zählten,
die längst verheilten ohne Narbenspur.
Wenn aber wahre Liebe mich gemartert hätte,
wär je gesundet dieses Herz? – Ich glaub es nicht.
Wo diese wilde Flut eindringt und gräbt ihr Bette,
gibt’s keine Rettung mehr, bis man daran zerbricht.

Erst jetzt hat sie auch mich erwählt zur Beute,
ihr wilder Wirbel riß mich über Bord.
Ruft schnell den Glöckner auf zum Sturmgeläute!
Ein Mann fiel in die Flut, sie reißt ihn fort!
Wird Rettung noch in höchster Not gelingen?…
Doch nein, mein heißes Herz ist’s, das so dröhnend schlägt!
Die Liebste hört es wohl; wird sie mir Hilfe bringen?
Kein andrer helfe mir, tut sie’s nicht unentwegt!

O Mädchen, läßt du herzlos mich ertrinken?
Hätt ich geahnt, daß doch nur zum Verdruß
dein strahlend Auge mir wollt lockend winken,
daß ich von deinem Glanz erblinden muß?
Denn deine Seele gleicht der Sonne, die erhellte
das All, noch eh sie sich verfinsternd ganz verblich.
Heut fürchte ich, dein Herz ist so erstarrt in Kälte
wie sie, wenn auf der Welt einst alles Leben wich.

Du sagtest mir einmal ohn’ zu erbeben,
die Liebe wäre dir gleichgültig nur.
So wagst du also Gott zu widerstreben,
dem heiligen Gebot unsrer Natur?

Glaubst du, daß sich für dich der rechte Mann nicht fände,
der deiner Liebe wert, für immer würdig wär,
daß deines Herzens Schatz sich schließlich nur verschwende,
den du, wenn er dich täuscht, zurückerhältst nicht mehr?

Man kann nicht jedermann ins Herz gleich sehen,
doch ist’s kein Grund, daß man die Liebe flieht.
Wer stets geruhsam möcht durchs Leben gehen,
ist tot, grad weil er sich dem Leid entzieht.
Scheust du dich wirklich nur, ein Haus zu baun, deswegen,
weil’s einer Feuerbrunst vielleicht zum Opfer fällt,
und ziehst es vor, zu stelin durchnäßt im Sommerregen,
zu zittern, wenn im Arm des Winters Frost dich hält?

Doch sah ich dich auch seufzen wie im Fieber.
Dann schien dein Herz mir wie das meine heiß.
Deckst du den Panzer der Vernunft darüber,
wie ein Vulkan sich hüllt in Schnee und Eis,
dann wart ich in Geduld, bis ich aus deinem Munde
die Worte höre: “Freund, du bist geprüft genug.”
Ja, warten werde ich, bis sie mir schlägt, die Stunde,
da meine Treue dir erscheint ohn’ allen Trug.

Zwar wird mich jeder Tag des Wartens quälen,
lang wie die Ewigkeit erscheinen mir.
Und wie der Schiffer auf des Meeres Wellen,
erfaßt von Strudeln, nah dem Ufer schier,
den Hafen nicht erreicht, weil jäh der Wind sich drehte,
werd ich aufs Meer zurück verschlagen Mal um Mal.
Oh, bitter wird das sein, doch alle Herzensnöte,
ich segne sie! Um dich erduld ich alle Qual.

So mag des Kranken Leib nicht schmerzen können
des Arztes Messer, das ins Fleisch ihm fährt,
kein glühend Eisen könnt so grausam brennen,
wie diese Sehnsucht brennt, die mich verzehrt.
Ein Tröpfchen Hoffnung schon, das du gewillt zu gießen
auf meines Herzens Qual, zur Linderung gereicht.
Sag, daß du mich belohnst, mag noch manch Jahr verfließen,
sag nur ein Wort zum Trost, sag nur dies Wort: “Vielleicht!”

Doch nein, ein solcher Trost wär mir zuwenig,
erspare mir zu lange Wartezeit!
Ein solcher Trost wär nur ein Bettlerpfennig!
Gib mir das ganze Maß der Seligkeit!
Meine Geduld ist wie ein Pferd, das ungebändigt
durchgeht und den Verstand in wirre Wildnis reißt,
wo eine Bestie haust, die seinen Ritt beendigt.
Kennst du dies wilde Tier, das Liebeswahnsinn heißt?

Ich fleh dich an, gib mich mir selber wieder,
errette mich, gib mich der Welt zurück!
Der Welt? Dir selbst! Tritt mich nicht nieder,
du kannst’s, in deiner Hand liegt mein Geschick!
Dein soll mein Leben sein! Sag, daß du’s angenommen!
Stürzt Erd und Himmel auch danach auf mich herab,
kein schönrer Tod könnt mir, als der in Wollust, frommen.
Von solcher Last erdrückt, sink gern ich in das Grab.

Und wenn du nimmermehr mir willst gehören,
verbunden dennoch bleibt mein Geist mit dir
wie mit dem Baum das Blatt. Verwelkt noch wären
wir eins, wenn Winterfrost dich trennt von mir.
So ist’s bestimmt! Du magst, um mich nicht mehr zu sehen,
in fremde Länder fliehn, doch nie verlierst du mich.
Ein Schatten folgt dir stets, du kannst ihm nicht entgehen,
denn meine Traurigkeit ist immerdar um dich.

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