Ich steh im Sommer meines Mannesalters – Sandor Petöfi

Ich steh im Sommer meines Mannesalters

Ich steh im Sommer meines Mannesalters,
der Frühling meiner Jugend ist vorbei.
Wie viele Blüten hat er mitgenommen,
wie viele Freuden süßer Träumerei!
Der Lerche Trillern, das im Morgengrauen
mich immer wieder weckte, es verklang.
Hätt ich auch deine Liebe jetzt verloren,
trüb wär die Welt, ich lebte nicht mehr lang.

Des Himmels Frührot ist verblaßt, verflogen,
der muntre Vogel singt nun nimmermehr,
nur ein erboster Wind heult in den Lüften,
pfeift durch des Sängers Nest, das öd und leer;
fort wehte er die letzten welken Blätter
der stolzen Hoffnung, die mich einst durchdrang.
Hätt ich auch deine Liebe jetzt verloren,
trüb wär die Welt, ich lebte nicht mehr lang.

Der goldne Morgenstern am rosigen Himmel,
der grünen Erde Silbertau verschwand,
die rauhe Wirklichkeit hat mir verdunkelt
den Blick mit unerbittlich roher Hand.
Mir drohn gewitterschwarze Sorgenwolken,
des Sommers Schwüle lähmt und macht mich bang.
Hätt ich auch deine Liebe jetzt verloren,
trüb wär die Welt, ich lebte nicht mehr lang.

Ein unbeständiger Gebirgsbach rauschte
an mir vorbei, romantisch klang sein Lied.
Das Lied der Ruhmsucht war’s, an ihm erquickte
sich allzu gern mein dürstendes Gemüt.
Der Bach, er fließt noch heut, doch mögen andre
draus trinken! – Ich verschmäh heut diesen Trank.
Hätt ich auch deine Liebe jetzt verloren,
trüb wär die Welt, ich lebte nicht mehr lang.

Vergeß ich einmal meine eignen Nöte
und denk ich nur an meines Landes Not,
dann seh ich vor mir eine Brut von Krüppeln,
ein Volk, das blind entgegengeht dem Tod.
Was hilft mein Fluch, was hilft’s, die Faust zu ballen!
So wein ich nur, vor Zorn und Kummer krank.
Hätt ich auch deine Liebe jetzt verloren,
trüb wär die Welt, ich lebte nicht mehr lang.

Ach, liebe mich, so heiß, wie ich dich liebe,
so leidenschaftlich, unbeirrbar treu!
Laß deines Herzens Wärme mich beglücken,
so wie das Licht des Himmels, ewig neu!
Mein einziges Licht, du meiner Tage Sonne,
mein Stern zur Macht, dem alles ich verdank!
Hätt ich auch deine Liebe jetzt verloren,
trüb wär die Welt, ich lebte nicht mehr lang!

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