Homer-Uebersetzung – Rudolf von Reibisch

Homer-Uebersetzung

Ilias. Erster Gesang.

Vom Zorn, o Göttin, sing des Peleiaden,
Der den Achaiern schrecklich Weh gebracht
Und viele Helden schwach und schmerzbeladen
Hinabgesandt in des Aides Nacht,
Verweil ihr Leib an Ilios Gestaden
Zum Raub der Geier und der Hunde lag,
Denn so beschloß es Jeus, seit jenem Tag,
Da mit Achilleus in unsel’gem Streite
Sich Atreus Sohn, der Völkerfürst, entzweite.

Doch wer von den unsterblichen Genossen
Kronions reizte sie, daß Streit entbrannte?
Der Leto Sohn, der mit des Zorns Geschossen

Pest und Verderben den Achaiern sandte,
Weil seinen: Priester, der mit goldnem Stabe,
Vom Lorbeerschnnick des Göttlichen umflossen,
Zu ihren Schiffen kam und reiche Gabe,
Sein holdes Töchterlein zu lösen bot,
Der Völkerfürst sich nicht gescheut zu höhnen.
Lautflehend sprach der Greis in seiner Noth
Vor allem Volk zu Atreus Heldensöhnen:

“O möchtet bei den himmlischen Gewalten
Ihr im Olympos Gunst und Gnade finden,
Die Stadt des Priamos zu überwinden
Und heimathwärts die Segel zu entfalten!
Mir aber laßt, daß euch die Gottheit lohne,
Die Tochter folgen und im Hause schalten!
Habt, fleh’ ich, Scheu vor des Kroniden Sohne!”

Da rief das Heer ihm lauten Beifall zu
Und forderte, daß man den Priester schone;
Nicht Agamemnon. Rasch gebot er Ruh
Und sprach mit heftigem und strengem Tone:
“Heb dich hinweg! und laß dich niemals wieder,
Das rath’ ich dir, bei unsern Schiffen sehen!

Es möchte dir trotz deiner alten Glieder
Und deinem Lorbeerschmucke schlecht ergehen!
Dein Kind bleibt mein und meines Alters Buhle,
Wenn sonst die Götter gnädig sich erweisen;
Doch soll kein Mensch von ihrem Webestuhle
Und meinem Lager die Geliebte reißen!
Hinweg und widersprich nur nicht! Entweiche,
Damit dich, Alter, nicht mein Zorn erreiche!”

So sprach der Völkerfürst. Erschrocken lauschte
Der Priestergreis dem unbarmherz’gen Hohne
Und floh Zum Strand, wo hoch die Woge rauschte
Und rief inbrünstig zu der Leto Sohne:

“O Gott, der du mit silbernen: Geschoß
Umwandelst Chrysa’s Hain, ich flehe dich!
Der du auf Killa thronst und Tenedos,
Allmächtiger Gott, o höre, höre mich!
Sahst du je Schenkel meiner Farrn und Ziegen
Auf deinem lohenden Altare prangen,
O so gewähre mir nur dieß Verlangen:
Laß deine tödtlichen Geschosse fliegen!
Die Thränen räche, die dem Aug’ entfallen,
An Atreus Sohn und den Achaiern allen!

So fleht er laut in das Getös der Wogen,
Und von den Höhen des Olympos schwang
Der Göttliche sich voller Zorn, daß Bogen
Und Köcher laut an seiner Schulter klang.
Er wandelte daher gleich düstrer Nacht
Und setzte fern sich von den Schiffen nieder,
Es flog geschnellt mit grauenvoller Macht
Der Pfeil dahin; getroffen streckten Rosse
Und flinke Hunde die erschöpften Glieder,
Bis endlich auch des Zürnenden Geschosse
Sich gegen die Achaier rastlos wandten
Und Tag und Nacht die Todtenfeuer brannten.

Neun Tage schon durchflogen seine Pfeile
Das aufgeschreckte Heer. Am zehnten Morgen
Berief Achilleus dann das Volk in Eile,
Gemahnt im Geiste von der Here borgen,
Die das verderben der Achaier sah.
Alsdann herbeigeströmt von fern und nah
Das Volk versammelt stand in dichtem Kreise,
Da trat er vor und sprach auf diese Weise:

“Wohlan, Atrcide, wenn dir’s recht ist,
Ziehen Den alten Irrweg wir zum Vaterlande,
Gelingt es uns, dem Tode zu entfliehen,
Den Krieg und Pest in unser Lager sandte;
Indessen laß vor allem Volk nunmehr
Die Opferer und Traumesdeuter fragen
(Auch Träume kommen von Kronion her)
Daß sie, warum Appollon eifert, sagen;
Ob wir Gelübde noch ihm abzutragen,
Ob Hekatomben wir vergessen haben,
Ob auserlesner Ziegen er begehrt,
Um sich an ihrem Opferduft zu laben,
Daß er besänftigt solchem Unheil wehrt.”

So muthvoll sprach der herrliche Pelide
Und setzte sich. Da wohlbedächtig stand
Der greise Kalchas auf, der Thestoride,
Der weisheitsvoll der sterblichen Geschick,
Wie nie ein Mensch im Flug der Vögel fand;
Der mit von Gott geweihtem Seherblick,
Was ist, was sein wird und was war erkannt,
Der auch die Schiff’ an Ilios Gestad’
Geleitet hatte nach Apollons Rath.
Der sprach zu den Versammelten gewandt:
“O Sohn des Peleus, du gebietest mir,
Vor allem Volk des Gottes Zorn zu deuten.
Wohlan denn, höre mich! ich sag’ es dir

Vor allem Volk, o Göttlicher, mit Freuden,
Sobald du schwörst, mich vor des Mannes Rache,
Der über Argos herrscht, mit Kraft zu schützen;
Denn des Geringern auch gerechte Sache,
Wenn ihm ein König zürnt, ist ohne stützen.
Und wenn er auch nicht den geringsten Groll
Hier schwören sollte gegen mich zu hegen,
In seinem Busen wird sich unheilvoll
Die schwarze Galle doch beständig regen,
Bis er sie abgekühlt. Und nun sag an,
Ob mich dein Arm, Achilleus, schützen kann?”

Und rasch erwiderte der Peleione:
“Sei ohne Furcht und sag’ uns ungescheut,
Was dem Achaiervolk der Gott gebeut,
Denn bei Apollon, dem geliebten Sohne
Kronions, schwör ich dir mit heiligem Eide:
So lang ich noch im Sonnenlichte wohne,
Soll dich, und wär’s der fürstliche Atreide,
Dem Ehr’ und Macht vor allem Volk gebühren,
Kein sterblicher mit frecher Hand berühren!”

Da sprach getrost der scher: “o Peleide,
Nicht weil Gelübde wir ihm abzutragen,
Noch Hekatomben unterlassen haben,
Erliegen wir den gottgesandten Plagen,
Nein, weil des Atreus Sohn die reichen Gaben,
Die ihm der greise Priester bot, verhöhnt
Und ihm die Tochter nicht zurückgesandt.
Nicht eher, glaubt mir, wird der Gott versöhnt
Und alles Unheil von uns abgewandt
Bis ohne säumen man und ohn’ Entgelt
Das holde Kind aus Agamemnons Zelt
Zum lieben Vater heim gen Chrysa sendet
Und zur Entsühnung Hekatomben spendet.”

So sprach der Seher und von Zorn geschwellt
Und schwarzer Gatte voll das finstre Herz,
Erhub sich zürnend jetzt des Atreus Sohn,
Sein Auge funkelte vor Wuth und Schmerz
Und er begann mit unheilvollem Ton:

“Unseliger Seher, der sich immer freut,
Nur widriges und Böses zu verkünden,
Was thätest du nicht alles ungescheut,
Mir Haß und Neid im Volke zu entzünden.
Jetzt soll ich abermals zu aller Gram
Mich wider die Unsterblichen versünden,
Weil ich des Chryses holdes Töchterlein
Bei mir behielt und keine Lösung nahm!
Denn holder noch, gesteh’ ich’s offen ein,
Als Klytämnestra, scheint dies Mädchen mir
An Wuchs und Geist und an Geschick zu sein.
Doch ist es besser, gut, ich weiche dir
Und sende sie den Ihrigen zurück;
Denn wahrlich mehr, als meines Herzens Glück
Muß ich das Unglück meines Volks bedenken.
Hoch sputet euch, mit würdigen Geschenken
Mir den Verlust gehörig auszugleichen
Soll ich dem Spruch des Thestoriden weichen.”

Doch ihm erwiderte der Peleione:
“O Atreus söhn, habgierigster von allen,
Was für Geschenke forderst du zum Lohne,
Da du ja weißt, was uns anheimgefallen!
Denn alle Beute ward im Volk vertheilt
Und kann nicht mehr zurückgefordert werden,
Entlaß dem Gotte sie denn unverweilt!
Und daß du siehst, wie immer hochgesinnt
Als ihren Herrn dich die Achaier ehrten,
Soll drei und vierfach dir das holde Kind
Von unsrer Beute reich erstattet werden,
Wenn unsern Wunsch die Himmlischen erhören,
Die feste Stadt der Troer zu zerstören.”

Da rief der Völkerfürst ihn: rasch entgegen:
“Vergebens suchst du, göttlicher Peleide,
Wie du auch tapfer bist, mich zu bewegen,
Daß mit Vertröstungen ich mich bescheide!
Indessen du dich deiner Beute freust,
Soll ich der meinigen verlustig gehen
Und meinen Antheil mir entrissen sehen?
Doch da du es zu fordern dich nicht scheust,
So mag es sein! so fahre sie dahin,
Wenn die Achaier sich nach meinem Sinn
Zu vollgenügendem Ersatz bequemen.
Thun sie es nicht, so muß ich selber nehmen
Was mir verweigert wird, und wähle dreist,
Was aus Odysseus oder Aias Beute,
Auch wohl aus deiner sich genehm erweist,
Ich glaubte nicht, daß mein Besuch erfreute.
Doch davon späterhin. Nun aber laßt
Mir ohne säumen in die salzige Flut
Ein dunkles Schiff, das schnelle Rudrer faßt,
Um bei der hohen Hekatombe Glut
Das rosige Kind nach Chrysa zu geleiten.
Vor allem mag bei günstiger Winde Hauch

Sie einer von den Königen begleiten:
Idomeneus, Odysseus oder auch
Du schrecklichster der Männer, Peleione,
Daß gnädig uns des Gottes Zorn verschone!”

Doch finstern Blickes hub Achilleus an:
“O du habsüchtiger, schamloser, Mann!
Wie kann nur einer noch zu deinem frommen
Sein Leben kühn in diesem Kampfe wagen!
Um mit den Troern mich herumzuschlagen
Bin ich wahrhaftig nicht hierher gekommen,
Sie gaben mir noch niemals Grund zu klagen
Und haben mir kein Roß noch Rind genommen,
Noch zwangen sie, verwüstend meine Felder,
Die Pflugschaar mit dem Schwerte zu vertauschen,
Da zwischen uns weitschattige Berg’ und Wälder
Und Poseidaons weite Wogen rauschen.
Nein, dir nur folgten wir, schamloser Mann,
Und Menelaos Ruf und Aufgebote,
Das Trojas Volk furchtbare Rache drohte.
Und jetzo geht dich alles nichts mehr an!
Du drohst sogar noch meine Ehrengabe,
Die ich so mühevoll errungen habe,
Mir zu entreißen, du, den an Geschenken
Stets die Achaier mehr als mich bedenken,

Wenn sie den Raub aus dieses Landes Städten,
Die sie verwüsteten, zusammentragen.
Dir wurde stets das Beste zugeschlagen;
Indessen mit dem Armen, Vielgeschmähten,
Die schwerste Arbeit im Gefechte blieb.
Doch nahm ich stets mit wenigem vorlieb,
wenn ich ermüdet von der heißen Schlacht
Wach meinen schiffen ging. Und nun kein Wort!
Ich segle wieder nach der Heimath fort
Mit meiner tapfern Myrmidonen Macht.
Denk’ ich doch nicht der Ehre zu entbehren
Und Reichthum sammelnd Deinen Schatz zu mehren.”

Und ihm erwiderte der Fürst und sprach:
“Geh, fliehe nur, wenn es dein Herz gebeut!
Ich laufe dir mit keinem Schritte nach,
Mir bleiben andre noch, die es erfreut,
Mir Ehr’ und Ruhm im Kriege zu erwerben;
Und wem Jeus hilft, kann nimmermehr verderben.
Auch bist du, wisse, mir verhaßt vor allen;
Denn stets entsteht, wo du bist Zank und Streit.
Bist Du der stärksten einer weit und breit,
So hat es einem Gotte so gefallen.
Geh, segle heim, in Ruhe dich zu pflegen.
Nicht das Geringste gilt dein Grollen mir
Und was du sagst, kann mich zu nichts bewegen;
Vielmehr, Achilleus, droh ich also dir:
Will mich der Sohn der lockigen Leto zwingen,
Dem holden Kind des Chryses zu entsagen,
Werd’ ich in’s Innre deines Zeltes dringen
Um dein Geschenk, des Brises Töchterlein
Als gute Beute mir davonzutragen,
Damit du merkest, wer wir beide sei’n,
Und daß es auch den andern mag vergehen
Mir frech wie Du in’s Angesicht zu sehen!” —

Da hochauf loderte der Peleione;
Und in der zottigen Brust schlägt ob dem Hohne
Das Herz voll Ingrimm und von Zweifeln voll.
Ob er das Schwert sich von der Hüfte reißen
Und den Atreiden stracks zu Boden schmettern,
Ob er sich fügen und besänft’gen soll,
Schon fuhr die Hand wie zuckend nach dem Eisen,
Da aus des wolkigen Olympos Wettern
Kam Athenaea, schnellen Flugs entsandt,
Weil Here, die Genossin des Kroniden
Um beider Schicksal tief bekümmert war.
Als hinter ihm nun Athenaea stand,
Da faßte sie sein braungelocktes Haar
Nur sichtbar ihm, dem herrlichen Peliden

Und keinem Andern sonst. Er schrack zusammen
Und wandte sich, die Göttliche zu schauen;
Furchtbar entstrahlten ihren Augen Flammen,
Und er begann mit ehrfurchtsvollem Grauen:

“Wie? kommst du, Tochter des Zeus, den Frevelmuth
Von Agamemnon, Atreus Sohn, zu schauen?
Das, und du darfst dem, was ich sage, trauen,
Das büßt der stolze noch mit seinem Blut!”

Und jene sprach: „Um dich zurückzuhalten
Und zu besänftigen bin ich entsandt,
Weil Here, treu in ihrer Liebe walten
Um euer Schicksal große Sorg’ empfand.
Drum laß das schwer: in seiner Scheide ruhu!
Magst du, was dir gefällt dann immer thun
Und was mit Worten sonst ihn kränken kann;
Ich aber sage dir, Achilleus, an,
Und das wird wahrlich in Erfüllung gehen:
Für all die Schmach, die heute dir geschehen,
Ist dir einst reichlicher Ersatz beschieden.
Drum fasse dich, gehorch’ und halte Frieden!”

Und ihr erwiderte der muth’ge Mann;
“Nicht ziemt es einem sterblichen hienieden,
Sich gegen deine Mahnung zu empören,
Wie grimme Wuth sich auch im Herzen hebt;
Weiß ich ja doch, daß den die Götter hören,
Der ehrfurchtsvoll nach ihren Worten lebt.”

So sprach er rasch und stieß mit starker Hand
Das mächtige Schwert in seiner Scheide Frieden,
Derweil die Göttin seinein Aug’ entschwand,
Hoch im Palast des donnernden Kroniden.

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